Bahamas, nicht Naturkatastrophe



Eine gesellschaftliche Naturkatastrophe? Vortrag von Justus Wertmüller und Uli Krug im Marx & Moritz, Berlin 28.07.2005



Am Eingang gab es die Einladung zur nächsten Veranstaltung: Filmvorführung von Yilmaz Güneys "Yol" mit einer Einführung zum Film und seiner Rezeption vom Wertmüller selbst:

""Yol" ist die Denunziation jeden Kulturrelativismus im Namen unterdrückter Völker. Yol ist ein revolutionärer Film, weil er eine dezidiert "westliche", sprich: universale Sehnsucht nach ein bißchen Freiheit und Glück auch für ein Land einfordert, das heute von einer islamistischen Regierung in einen noch trostloseren Zustand zurückversetzt werden soll, als Güney im Entstehungsjahr des Filmes ahnen konnte und ist schon dadurch unbedingt aktuell und sehenswert."

(am 10.08.2005, 19:00 im Marx & Moritz, Oranienstr.162)

Außerdem eine getackerte Kopie dieses typoskript.net Interviews mit Phyllis Chesler.

Den Vortrag selbst begann Justus Wertmüller mit seiner inzwischen durchaus etwas redundanten Predigt über Integration im deutschen Volksstaat, über Multikulti-Establishment und die Rechte der Individuen, die vor dem Zugriff des Kollektivs geschützt werden müssen, und den Rassismus, der eben darin besteht, Zuwanderern die Perspektive der Emanzipation von ihrem religiösen oder ethnischen Kollektiv auszutreiben, verbrämt in Formulierungen von der Kultur, die bewahrt werden müsse oder solle; garniert mit den neuesten(naja, nicht nur) Absurditäten aus der deutschen Presse, von muslimischen Verbänden und kreuzberger Spielplätzen, z.B.:

-wikipedia über Islamophobie-

"...
Auch das Judentum lehnt z.B. Mischehen ab und fordert seine Mitglieder vehement auf, nur Juden zu heiraten, und das auch in westlichen Gesellschaften. Auch hier ist also die individuelle Entscheidungsfreiheit nicht gegeben, wird jedoch im Westen selten angesprochen.

Zu bedenken ist jedoch, dass auch der Begriff "Antisemitismus" heute oft verwendet wird, um jede Kritik an der Politik Israel zu unterbinden.

Wird im Hinblick auf die Lage in "islamischen" Ländern und Israel mit zweierlei Maß gemessen und den islamisch geprägten Ländern mangelnde Demokratie vorgeworfen bzw. mangelnde "Toleranz", Israel jedoch seine Politik - trotz dem Label der angeblich einzigen Demokratie im Nahen Osten (zumindest für Juden) - jedoch nicht, so könnte man hier doch wieder eine Bestätigung finden, dass tatsächlich Islamophobie herrscht."


-Wider die Islamophobie - Terror hat keine Religion-

Ein Brief des Jüdischen Kulturvereins Berlin e.V. und eine Ansprache des Vorsitzenden des Muslimrats München

-aus der Ansprache des Muslimrats-

"Ich grüße Sie alle mit dem Grußwort der Muslime. Ich wünsche Ihnen Frieden und Gottes Segen. Der Muslim, dessen Aufgabe es ist, Frieden auf Erden zu stiften, wird heute beschuldigt, diesen Frieden zu zerstören.
...
Wir, Münchner Muslime verurteilen den Einsatz militärischer Mittel und das Terrorisieren der Zivilbevölkerung mit der daraus resultierenden Kette von Gewalt und Gegengewalt, von Hass, Bitternis und Verzweifelung. Menschen, die über Jahre Gewalt ausgesetzt sind, werden erniedrigt, entrechtet, ihrer Freiheiten und ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Seit Jahren erfahren die Menschen in Palästina, im Irak, in Tschetschenien, in Afghanistan und anderswo die Folgen fortgesetzten Terrors. Sie müssen um ihr Leben, ihr enteignetes Land, ihre von der Zerstörung bedrohten Häuser und ihre Würde fürchten.
...
Das Toleranzgebot und der Schutz von Andersgläubigen, die seit dem Propheten Muhammad im islamischen Glauben fest verankert sind, haben die Kulturen der damaligen Welt vor dem Niedergang bewahrt. Sie haben ein offenes multikulturelles Klima geschaffen, dem wir die Bewahrung und Weiterentwicklung des kulturellen Erbes der alten Welt verdanken. Im Gegensatz hierzu steht das getrübte Bild des Islams in Europa seit den Kreuzzügen. Es wird von Angst- und Fremdheitsklischees genährt.
...
Hier sind Muslime in erster Linie Opfer des Terrors, nicht aber Täter. Der Terror ist rein politischer Natur. Wenn Terroristen den Namen des Islams verwenden, für ihre Sache zu werben und Unterstützung zu finden, besteht kein Grund den Islam bzw. die Muslime in der ganzen Welt dafür verantwortlich zu machen. Hauptursache dafür sind die fortgesetzten Angriffe auf die Zivilbevölkerung durch die Militärmaschienerie der USA und Israel. Wer das nicht sehen,verurteilen und etwas dagegen tun will, macht sich schuldig.

Wir halten es für verantwortungslos und hetzerisch, wenn immer wieder vom "islamischen/islamistischen Terror" die Rede ist. Terror hat keine Religion.
..."


Wie lange dieser Wikipedia Artikel noch in dieser Form zu lesen sein wird sei dahin gestellt, und dass er jetzt gerade noch unverändert ist, das hätte Justus auch selbst verhindern können - die Äußerungen des Muslimrates München aber nicht. Ich überlasse es dem Leser, sich darüber Gedanken zu machen, was an diesen Zitaten alles schrecklich ist. Ich weiß einfach nicht, wo ich anfangen soll.

Dazu gesellten sich Bemerkungen wie die über den Reformislam, den es in Gestalt der Aleviten schon längst gäbe, die aber von der sunnitischen Mehrheit in der Türkei und unter deutschen Muslimen als Ungläubige betrachtet und entsprechend behandelt würden (hier herrscht dann doch relative Einigkeit mit der Wikipedia), und die Anti-Assimilierungskampagnen, die es in den 80'ern auf seiten der Linken gab:

"Hier sind wohl einige, ich gehöre auch dazu, die das mal sinnvoll fanden. Ja, man war schon ganz schön scheisse drauf."

Uli Krug berichtete anschließend von seinem Versuch, die Gründe für die Sympathie, die den repressiven Ausformungen des Islam und dem islamistischen Terror von eigentlich als fortschrittlich betrachteten Strömungen wie Feministen, Öko-Aktivisten und extremen Linken entgegengebracht wird, zu verstehen. Ich kann auch diesen Vortrag, der ein recht unredundantes, nicht unkomplexes Ganzes war, hier nicht erschöpfend zusammenfassen; in meinen Notizen findet sich aber z.B. dieser Satz:
"Das Scheitern an zivilisatorischen Anforderungen..., wird zum Anspruch auf Weltherrschaft umgemünzt, die immer nur Weltzerstörung sein kann."
Er berichtete, schon Horkheimer habe in den 60ern vor der weltweiten Konversionswelle zum Islam gewarnt, da er von allen Weltreligionen diejenige sei, die den regressiven Bedürfnissen der Menschen am ehesten entgegen komme, und meinte, die Texte der Süddeutschen zu dem ersten Londoner Anschlag könnten in maximaler Griffigkeit zu folgender Schlagzeil zusammengefasst werden:
"Gestern sind über 50 Menschen an den Folgen von Krieg, Rassismus und Israel in der Londoner U-Bahn explodiert."
Wieder mit Bezug zur kritischen Theorie sprach er von der Religion als Revolte in der Kultur, die zur Revolte gegen die Kultur umschlägt.
Dieser Vortrag hätte sich, wenn man statt von Zivilisationsfeindschaft und ähnlichem von der Frage der Vermittlung und der vorhandenen Sehnsucht nach ihrer Abschaffung (z.B. Selbstjustiz/Ehrenmorde statt abstraktes Recht) gesprochen hätte, etwas kompakter gestalten lassen, die Begriffswahl ist in Bezug auf die Verständlichkeit (es fühlen sich überhaupt Menschen angesprochen) aber nachvollziehbar.

(Classless, übernehmen sie!)

Die anschließende Diskussion war etwas unergiebig, ruhig und schnell vorbei; sie bestand aus den üblichen Verständnisfragen, sachlichen Ergänzungen und schlecht verbrämter Angst vor "Überfremdung" - ein Besucher äußerte die Frage, was denn tatsächlich nun zu tun sei, und ließ sich über das "Denkverbot" aus, das bei der Bahamas in Bezug auf die Frage bestünde, wie denn kulturelle Integration machbar sei, wenn die Zuwanderer nicht mehr die Minderheit stellten. Wertmüller selbst meinte noch, dass wirklich sinnvolle Handlungen erst möglich seien, wenn sich ein gesellschaftlicher Konsens gegen bestimmte islamische Werte gebildet hätte - dies sei ein Prozess, der durch Anschläge durchaus angestoßen werden könnte, wenn nämlich Elemente unserer Lebensweise, die bisher als selbstverständlich empfunden worden wären, als bedrohtes und verteidigenswertes Gut ins Blickfeld gerieten, ja als etwas, das anderen Grund für einen Anschlag sei. Erhellend war sein Kommentar zur Rezeption des Mordes an Hatun Sürücü - der Tenor wäre gewesen, ihr Leben als "vorbildliche Leistungsbiographie" darzustellen, allerdings unter Nichterwähnung des Mordgrundes, den ihre Mörder vor allem in ihrem wohl durchaus abwechlungsreichen Liebesleben gesehen hätten - eine vielsagende Unterlassung, bedeute sie doch auch, das mögliche Glück und die Freiheit, die in der freien Wahl des Sexualpartners für nicht unbedingt das ganze Leben liege, eben nicht zu verteidigen.

Zu guter Letzt attestierte der Wertmüller auch den Deutschen, weder ein Nazi-, noch ein Antisemitismusgen zu besitzen, auch wenn sich der Eindruck manchmal aufdränge.




29.7.05 21:27
 
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