Antideutsche Konferenz - Zwischenbericht



Die Konferenzeröffnung gestern Abend mit Justus Wertmüller, Clemens Nachtmann und Manfred Dahlmann bot unter anderem die Feststellung, dass von Adorno wenig hat, wer sich weder auf seine Worte noch auf das eigene Erfahren und Denken wirklich einzulassen vermag oder will(Nachtmann), und eine unbarmherzige, aber nicht minder unterhaltsame Ausführung darüber, warum ein Kritiker notwendig sich von den meisten Menschen entfremden muss, bzw. nur entweder deren Wohlwollen genießen, oder treffende Kritik üben kann. Wie ernst das gemeint war wurde deutlich, als sich Dahlmann über die teils recht jungen Antideutschen wunderte, die zu ihnen ("den Kritikern") gestoßen seien, ohne sich voll darüber im Klaren zu sein, dass auch dies keine Ersatzfamilie sein könne, dass also ein Kritiker keinen Unterschied zwischen "den anderen" und "seinesgleichen" machen kann und darf, und Nestwärme deswegen kaum aufkommen mag oder sollte. "Antideutsch" als Abgrenzungansage ist durchaus brauchbar und berechtigt, als Identifikationsangebot aber weder gemeint noch geeignet. Hier gibz keine Bonbons.

(Gibt es natürlich doch, aber auch dazu mehr später)

Martin Blumentritts Beitrag zur Dialektik des Liberalismus begann heute erst mit erheblicher Verspätung und ermüdete dann durch seinen Sozialkunde/Ethikunterrichts-Nachhilfe-Charakter. Ich unterstelle, dass den meisten Anwesenden die Grundzüge der Gedankengebäude von Hobbes und Locke vertraut sein dürften, auch die Entwicklung der "Geldwirtschaft" hätte nicht unbedingt wiederholt werden müssen. Ich glaube auch, dass sich die wesentlichen Gedanken angemessener in knapperer Form hätten darstellen lassen (mehr dazu später). Blumentritts äußerst trockene Sprach und lebloser Vortrag halfen da wenig. Seine Langatmigkeit kürzte leider die Zeit, die anschließend für Gerhard Scheit übrig blieb. Unter der Überschrift Das sogenannte Böse und der Jargon der Demokratie gab er mehr oder weniger ein Best Of seines letzten Bahamas Artikels mit einigen Ausführungen darüber hinaus. Langweilig war es jedoch in keinster Weise, vor allem die Zitate, mit denen er illustrierte, wie europäische Intellektuelle sich gegenwärtig die zukünftige Rolle Europas imaginieren, waren treffend und auf eine erschreckende Weise komisch.

Das zweite Podium des Tages begann Natascha Wilting mit einem Rückblick auf die Tiefen des letzten deutschen Wahlkampfes, vor allem die Willigkeit, mit der Schröder als besonders "männliches Alphatier" gefeiert und Merkel als einerseits klassisch "unfähige" Frau und andererseits "nicht Frau genug" runtergemacht wurde. Sie setzte dies in Zusammenhang mit dem "emotionalen", "instinktiven" Politikstils Schröders, der gegenüber der "kalten Vernunft" Merkels eher dem Bedürfnis der Deutschen nach einer "potenten" Führerfigur "ohne Spirenzien" entgegengekommen sei. Mir sprach dieser Vortrag aus der Seele, hatte ich mich doch auch gewundert, mit welch einer Selbstverständlichkeit fast jegliche Kritik an dem extrem sexistischen Wahlkampf ausblieb.
Uli Krug führte aus, warum "wir" (wer auch immer) weder der traditionellen Arbeiterwebegung, der SPD oder sonstigen "linken Zusammenhängen" irgendetwas schuldig seien, andererseits uns aber auch keine Illusionen über die eben doch unüberwindbaren Differenzen mit klassischen Liberalen machen sollten. Er warnte davor anzunehmen, dass es in Deutschland überhaupt eine liberale bürgerliche Öffentlichkeit gäbe, die man anstelle "der Linken" ansprechen könne, und forderte dazu auf, den Staat als "Revennue-Quelle" zu betrachten, Forderungen im eigenen Interesse unabhängig von ihrer "Finanzierbarkeit" oder "Berechtigung" zu stellen.

Es sind insgesamt erstaunlich viele Leute gekommen, während sowohl Eintritt als auch Getränke- und Essenspreise wirklich minimalisiert wurden (8 Euro Eintritt für zwei Tage, 50 Cent für einen Kaffee, ein belegtes Brot etc.).

Das Nachmittagspodium zum Thema Freunde der Juden – Feinde Israels? mit Pünjer und Kunstreich schwänze ich gerade, davon ausgehend, dass ich nicht wirklich irgendwelche Neuigkeiten verpasse. Auf dem Heimweg geriet ich, als ich aus dem U-Bahnhof Samariterstraße kam, kurz in das Paralleluniversum der Silvio-Meier-Demo, lief ein paar Meter mit, wunderte mich über den schnellen Schritt der Demo, erblickte mehrere Solid- und die FDJ-Fahne und wendete mich wieder ab.

Und gleich gehts weiter.

P.S. Ich schneide das ganze mit meiner (Foto-) Kamera mit (in schlechter Qualität - 32 kBit/s, 4 Bit tief und mit einer Abtastrate von 8kHz, natürlich Mono), demnächst also hier Tondokumente der Vorträge zum Selberhören. Zumindest für die, die unbedingt wollen;-)

P.P.S. Ich habe durchaus ein Problem mit der anscheinend völligen Unbedarftheit der Herren was Sexismus angeht, die teils völlig unnötig hetereosexistische Sprache (ich benutze dieses Wort fast nie, aber auf Clemens Nachtmann Vortrag traf es durchaus zu) und dem Umstand, dass Natascha Wilting als einzige Rednerin auch die einzige ist, die ein solches Thema zur Sprach bringt. Der Eindruck drängt sich auf, dass den Herren alles was mit Sexismus zu tun hat wirklich völlig egal ist, und Natascha da halt ein Bisschen spielen darf. Nun ja. Blumentritt war auch schlimm in der Hinsicht.
19.11.05 18:01
 
Gratis bloggen bei
myblog.de