Beschaffungskriminalität zum Selbstmordattentat



Eigene Impressionen und Erg?nzungen zu classless' Bericht ?ber den Filmstart von Paradise Now! in Berlin



Ein Film, der sich sehr spezifisch mit der Vorbereitung und Durchf?hrung eines Selbstmordattentats auf Israelis besch?ftigt, ist kein Film ?ber den Nahost-Konflikt, und ergreift nat?rlich auch nicht Partei, sondern trifft eine universale Aussage, hat eine universale Bedeutung. Diese liegt nat?rlich nicht in der weltweiten Verbreitung des Antisemitismus und der Gewalt, der Juden in vielen L?ndern der Erde ausgesetzt sind, sondern im Ausdruck einer allgemeinen Unzufriedenheit mit den bedr?ckenden gesellschaftlichen Verh?ltnissen. Es geht hier nicht um Politik, es geht um Sinnsuche. Und dass in diesem Film eine m?gliche Sinnfindung ein Selbstmordattentat ist - nun, man muss ?ber dessen Berechtigung eben mehr diskuttieren, so wie man auch wissen sollte, dass terroristische Aktivit?ten leicht Ber?hrungspunkte zum Kriminellen entwickeln k?nnen. Der Sprengstoff zum Judenmord ist manchmal eben nicht ohne Beschaffungskriminalit?t zu haben, so sind die Verh?ltnisse.

Es war erstaunlich, wie immer wieder betont wurde, der Film solle doch bitte als Film, als Kunstwerk beurteilt werden, w?hrend die einzige Wortmeldung, die sich tats?chlich mit den verwendeten stilistischen Mitteln besch?ftigte a) aus dem Publikum kam und b) im wesentlichen ignoriert wurde. Nicht wirklich Zufall war, dass der Wortmelder Tobias Ebbrecht, dessen Text zu Paradise Now! hier zu finden ist, eben nicht zum Panel geh?rte, obwohl er als Filmwissenschaftler wohl am besten dazu in der Lage gewesen w?re, diese vielbeschworene Diskussion des Films als Film zu f?hren. Ebenfalls immer wieder wurde gesagt, dass der Film nat?rlich vor einem spezifischen politischen Hintergrung entstanden sei und ohne diesen nicht verstanden werden k?nne.

Die Besetzung des Panels ist aussagekr?ftig genug: Frau Zehden wie bereits beschrieben als einzige, die dem Film nicht mit Sympathie gegen?ber stand, gleichzeitig die einzige, die f?r keines der angsprochenen Themen Expertin war. Paul als CoProduzent des Films sagte, was von einem CoProduzenten an der Stelle erwartet wird mit den dazugeh?rigen Floskeln von V?lkerverst?ndigung etc., Al-Khatib war der sympathische jugendliche Vertreter der Deutsch-Pal?stinensischen Gesellschaft, dessen Text haupt?chlich dadurch ?berraschte, dass er die Botschaft des Films eben als eine universale begriffen wissen wollte. ?ber den "Wissenschaftler" der Runde, Werner Ruf, und dessen Ansichten ?ber den Frieden, den Islam und den Nahostkonflikt kann man sich auf seiner Homepage unterrichten. Dazu geh?ren Thesen wie diese:
Die Metapher vom "Terror als Krieg der Armen" wie auch manche Erkl?rungen der F?hrung von al queda, die sich antiimperialistischer Rhetorik bedienen, legen nahe, dass es sich hier um eine religi?se Legitimationsmuster bem?hende neue Variante einer Befreiungsideologie handeln k?nnte.

Im Laufe dieses Textes fragt er sich, ob z.B. Siedler in Israel zwar formal Zivilisten, de facto jedoch Teil des kolonialen Unterdr?ckunssystems und seiner Reproduktion seien, und ob Angriffe auf sie und ihre Familien denn erst legitim w?rden, wenn sie selbst gewaltsam handelten. Er glaubt:
Elementares Gerechtigkeitsempfinden ist allen Menschen und Kulturen eigen, ebenso wie der Respekt vor dem menschlichen Leben

und irrt dabei tragisch, denn oft gilt der Respekt nur dem Leben der Menschen der eigenen Gemeinschaft und es waren die Juden, die das T?tungsverbot auf alle Menschen ausweiteten. Unerw?hnt bleibt nat?rlich, dass es dieses allgemeine T?tungsverbot im Islam nicht gibt, ganz zu schweigen von dem gro?en Respekt, den die Deutschen dem menschlichen Leben gegen?ber aufgebracht haben. Er kann seine Sympathie f?r den Terror schlecht verbergen und nach allen Konjunktiven bleibt stehen, dass Sympathie eben nicht reiche, sondern es zu einer Solidarisierung kommen m?sse.
Der politisiert Islam ist zwar zu verstehen als Reaktion auf ein extremes Gewaltverh?ltnis. Jedoch: In seiner kulturellen Beschr?nkung wird er nicht zum Fanal einer neuen und den armen S?den einigenden Befreiungsideologie. Schon eher k?nnte er zum (andernorts nachahmenswerten?) Symbol eines gewaltf?rmigen und in Teilen transnationalen Widerstandes gegen die durch die Globalisierung vorangetriebene Versch?rfung der sozialen Antagonismen und gegen die neo-imperiale Inbesitznahme des Planeten werden.

Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Selbstmordattent?ter? Kein Wunder, dass er einer Frau wie Zehden, die keine Lust hat, sich in einen solchen hineinzuversetzen, in dieser Diskussion nicht gerade zur Seite gesprungen ist.

So bleibt als letzter islam.de-Betreiber Aiman Mazyek, der sich bereits schriftlich ?ber den Film ge?u?ert hat. Sein wenigen Wortbeitr?ge gingen kaum ?ber diesen Text hinaus, und auch hier scheinen die Fragezeichen eher der Konvention als der ?berzeugung geschuldet:
Zur Identifikation oder gar Sympathie mit den Attent?tern ruft der Film an keiner Stelle auf, aber er ergreift einen, ?ber sie nachzudenken.
[...]
Bei allem Elend in den besetzten Gebieten, bei der H?he und L?nge der neuen Mauer, bei den Generationen von Pal?stinensern, die unw?rdig in Lager eingepfercht leben, bei den fast t?glichen Bombardierung einer ungleich st?rkeren und bis auf die Z?hne bewaffneten Milit?rmacht? ist dadurch das ?In-die-Luft-sprengen? in einem von Wohnbev?lkerung durchmischten Gebiet in Tel Aviv und anderswo, gerechtfertigt?
[...]
Die Unertr?glichkeit des Lebens in den besetzten Gebieten gebiert den Todeswunsch oder macht ihn sogar - religi?s untermauert ? fassbar. Und dies ist in erster Linie alles andere als ein theologisches Erkl?rungsmuster, dies ist h?chst und im wahrsten Sinne des Wortes abgrundtief menschlich.
[...]
Wenn es auch noch so gute Rechtfertigungen f?r den Widerstandskampf gibt, ist er nicht davor gefeit - auch nicht wenn das Wort islamisch davor gesetzt wird - in Unm?glichkeiten, Perversit?ten und Hoffnungslosigkeit abzugleiten.
[...]
Kurzum: Der Film erinnert auf unertr?gliche Art und Weise, dass der Frieden im Nahen Osten noch weit ist und alle Menschen auf dieser Welt - auch in Pal?stina - in der Bew?ltigung ihrer Leiden, ihren Sehns?chten und ihrem Gl?ck ?hnlich sind. Gerade deshalb und weil der Konflikt im Nahen Osten bisher nicht gerecht gel?st ist, wird er solange weiter Opfer geb?ren und es weiter ?Atten-T?ter? geben.

Wenn ein Attentat in erste Linie von einem abgrundtief menschlichen Todeswunsch motiviert ist, statt von dem Verlangen zu t?ten, dann ist es naheliegend "Atten-T?ter" in Anf?hrungszeichen zu setzen. Auf unertr?gliche Art und Weise zeigt diese Diskussion vor allem, wie ?hnlich sich die Menschen in der Wahl ihres Lieblingss?ndenbocks immernoch sind.

Edit: Noch mehr zu einem bisher eher unbeleuchteten Aspekt des Films bei Partisan.
2.10.05 20:31
 
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